Zhao Tingyang: Tianxia – Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung

Gedanken zu dem Buch eines Philosophen des heutigen Chinas

Es tut sich was: die philosophisch-ideologischen Grundfesten der heutigen Welt, wirtschaftliche Globalisierung auf der Basis des Neoliberalismus und Vorherrschaft nationaler Interessen, kommen vermehrt unter massive Kritik. Nicht nur in westlichen Ländern, sondern auch, z.B. in China. Wissenschaftler debattieren makro-ökonomische Konzepte, die umweltverträglicher und sozial gerechter sind als die heutige Wirtschaftspolitik. Philosophen und Politikwissenschaftler diskutieren, wie Politik verändert werden muss, um das Allgemeinwohl zu wahren und nachhaltige Entwicklung zu unterstützen. Nun kommt aus China eine Stimme laut und klar. Dem Suhrkamp Verlag sei Dank, dass er in seiner Taschenbuchreihe Wissenschaft (Nr. 2282) Zhao Tingyang „Alles unter dem Himmel“ auf Deutsch vorlegt.

Zhao sieht als Treibkraft für die Notwendigkeit eines neuen politischen Konzeptes für die Welt die wirtschaftliche Globalisierung. Zur Bestimmung und dem Entwurf eines solchen Konzepts bedient sich Zhao des Tianxia, das im 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, während der Zhou Dynastie, deren Politik leitete. China als einer der größten Nutznießer der heutigen Globalisierung wird sehr wohl einbezogen in die Kritik des bestehenden politischen Systems, obwohl Zhao dies nicht ausdrücklich betont.

Das Tianxia Konzept

In wenigen Worten möchte ich das Konzept wie folgt zusammenfassen: „Tianxia kennt kein Innen/Außen, es kennt nur Koexistenz und Kooperation“. (S.16) Damit basiert es auf dem Urzustand des Menschen, dessen „Existenz Koexistenz voraussetzt“. (S.18) Daraus leitet Zhao ab, dass „Weltpolitik mehr ist als die Politik der Staaten“. (S.14) Denn „die Welt muss als Ganzes als Maßstab für politische Ordnung und politische Legitimität dienen“. (ibidem) Dabei füllt die Politik den Spielraum zwischen den Möglichkeiten der schlechtesten und der besten einer denkbaren Welt (S.19) Anschließend an diese Thesen knüpft Zhao einen kurze Beschreibung klassischer chinesischer Philosophien, insbesondere die Vorstellungen von Konfuzius, der postulierte, dass die beste aller Welten eine Welt der „großen Eintracht“ sei, in der „gegenseitige Sicherheit, Vertrauen und Solidarität“ bestimmend sind (ibidem). Dabei setzt Eintracht „Kompatibilität“ voraus. (S. 21) Leibniz wird ebenso zitiert wie Kant, allerdings verschweigt Zhao, dass beide stark von chinesischem Denken beeinflusst waren.

Die Relevanz des Tianxia in der heutigen Welt

Die klassische politische Philosophie Chinas kannte 3 Ebenen, auf denen sich Politik abspielte: Tianxia, Staat, Sippe. „Der Einzelne war eine biologische und wirtschaftliche Einheit“. (S. 21/22)

Aus meiner Sicht kann man diese Denkmuster leicht in der heutigen Politik Chinas wiedererkennen: Im Bereich Tianxia fällt auf, dass Chinas Außenpolitik geprägt ist von der Vorstellung des „gegenseitigen Nutzens“ in der Zusammenarbeit und in vielen Fällen von Solidarität. Letztere als „diplomatische“ Machtpolitik abzutun, ist dabei kleingeistig. Den anderen bestimmenden Faktor des „gegenseitigen Nutzen“ als einträchtige Kooperation of Augenhöhe zu sehen, ist allerdings nicht immer erkennbar. In seinem Streben einen westlichen Lebensstandard zu erreichen, lebt China heute über seine Verhältnisse. Obwohl ein Land mit den geographischen Ausmaßen Europas und großen natürlichen Ressourcen muss es ungefähr 3 x so viele Menschen versorgen wie Europa. Dazu braucht es die natürlichen Ressourcen anderer Länder, und geht bei deren Ausbeutung nicht immer pfleglich vor. Ein fairer Handel und eine faire Kooperation im Sinne des Tianxia sähe anders aus. Hier bleibt Chinas aktuelle wirtschaftliche Politik und Praxis weit hinter den Anforderungen eines globalen Tianxia Systems zurück. Dies ist umso bemerkenswerter als China viele Methoden der nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen kannte und anwandte, aber heute vergessen hat.

Auch heute ist der Staat das Zentrum des politischen Handels unter den Vorgaben der kommunistischen Partei, die die Sippe aus der vorrevolutionären Gesellschaft abgelöst hat. Der Einzelne ist nicht als Staatsbürger ein Subjekt der Politik, sondern lediglich als Konsument und als Produzent. Einzig auf der untersten Ebene in ländlichen Gemeinden und in Stadtbezirken wird die Aufgabe öffentlicher Interessen gewählten Vertretern überlassen, die von der lokalen Bevölkerung in geheimen und allgemeinen Wahlen bestimmt werden.

Die Umsetzung des Tianxia im heutigen China ist so eine Mischung aus traditionellen chinesischen und importierten Elementen. An dieser Stelle wird Zhaos Analyse spannend. Denn er stellt fest, dass moderne Politik bestimmt wird vom „Individuum, der Gemeinschaft, dem Nationalstaat“. In der Tat hat China nach dem Beginn der Reformen den Kanon der individuellen Menschenrechte in seine Verfassung aufgenommen, und erkennt damit die Bedeutung des Individuums und seiner Rechte an. International reihte sich China in die Gemeinschaft der Staaten ein, die sich als unabhängig sowohl vom Sowjetblock wie auch von dem von den USA geführten westlichen Ländern sahen, und es begann international als ein Nationalstaat zu agieren.

Zhao stellt dann fest, dass das „Individuum dem Tianxia diametral entgegengesetzt ist“.(S. 22) Damit beschreibt er einen der wohl fundamentalsten Widersprüche in der heutigen Politik, nicht nur in China, sondern auch in der internationalen Politik. Er spricht aber auch die Hoffnung aus, allerdings nur für die internationale Politik, dass die beiden Konzepte ineinandergreifen könnten wie Zahnräder, um dann in „ihrer Ergänzung“ ein „neues Konzept des Politischen“ zu schaffen. (ibidem) Es ist diese These, die vermutlich einige westliche Kommentatoren veranlasste, die Vermutung auszusprechen, dass Zhao ein philosophisches Konzept vorlege, das der heutigen chinesischen Führung als Grundlage für eine chinesisch bestimmte Welt dienen könnte. Ich halte dies etwa genau so abwegig wie zu behaupten, dass Jürgen Habermas die politischen Vorstellungen der Bundesregierung bestimme. Seine Forderung für ein neues globales Tianxia Konzept sollte aus ganz anderen Gründen studiert und kritisiert werden.

Ein neues Tianxia als Grundlage der Weltpolitik

Nach einer brillanten Charakterisierung der heutigen internationalen Politik (S.23) kommt Zhao zu dem Schluss, dass der Nationalstaat nicht als Ausgangspunkt einer globalen Politik dienen kann. (S.26) Allerdings fährt er dann nicht fort, und macht Vorschläge, wo denn der Ausgangspunkt sein könnte. Irgendwie denkt er an die Vereinten Nationen. Aber nur um ihre heutige Machtlosigkeit zu beklagen. Das ist natürlich eine zutreffende Beobachtung, aber damit wird er der Bedeutung dieser Organisation gerecht.

Statt zu diskutieren wer und wo wirksame globale Politik machen sollte, postuliert er, dass „neue Spielregeln, neue Machtstrukturen, eine Neuverteilung von Interessen und Ressourcen, neue Geschichtsnarrative und neue Kenntnisse über die Welt“ (S.33) erfordern. All diese Änderungen müssen getragen werden, so seine Ansicht, von „gemeinsam geachteten Prinzipien und Systemen, die eine gemeinsame Lebensordnung und Legitimität garantieren“. (ibidem) Zhao argumentiert dann weiter, dass die Globalisierung „die Inklusion der Welt“ in die Politik zwingend aufwirft, und fordert, dass die Welt als politisches Subjekt anerkannt und ihr eine höhere Souveränität gegeben wird als der der Nationalstaaten. (ibidem)

Bedeutung von Legitimität und universellen Werten für das Tianxia

Aber Zhao führt eben nicht aus, wie wir, die globale Menschheit, zu einer gemeinsamen Legitimität kommen können. Er sagt lediglich, dass ein politisches System erst dann legitim ist, wenn die Mehrheit der Menschen ihm zustimmt. Nur wie können wir wissen, wann und ob die Mehrheit einem System zustimmt? Durch Umfragen? Durch Wahlen? Durch ausgewählte Vertreter/innen, die stellvertretend die Mehrheit abbilden?

Ähnlich grundsätzlich bleibt er bei der Behandlung universeller Werte, wenn er sagt: „Universelle Werte müssen die Notwendigkeit für alle widerspiegeln. Nur wenn sie dies tun, sind sie auch gut.“ (S.47/48) Nur, welche Notwendigkeit meint er? Die objektive, oder die subjektiv wahrgenommene? Ist die Gleichstellung der Frau ein universeller „guter“ Wert, auch wenn die Dringlichkeit des Schutzes der Frauen z.B. gegen Gewalt und Diskriminierung in verschiedenen Ländern und Gesellschaften anders wahrgenommen wird? Eine tiefergehende Analyse wäre an dieser Stelle geboten gewesen. Denn in der Tat sind in der politischen und gesellschaftlichen Realität viele Fragen in Bezug auf die Anwendung und Achtung der individuellen Menschenrechte ungeklärt, auch wenn sie in vielen Ländern Eingang in die Verfassungen der Staaten gefunden haben, und damit richtungsweisend für die Politik sind. Erst die Klärung solcher offenen Fragen wird zu einer universellen Akzeptanz führen. Aber kann dies heißen, solange wir diese globale Akzeptanz nicht haben, sind diese Rechte/Werte nicht universell? Die Politik muss sich der Klärung dieser Fragen annehmen, denn, wie Zhao an späterer Stelle sagt, muss Politik „als Kunst des Zusammenlebens verstanden werden. Nicht als Technik des Herrschens.“ (S. 48) In diesem Zusammenhang erwähnt Zhao eine Betrachtung, die sicherlich auch eine weitergehende Behandlung verdient hätte. Er spricht da vom Ursprung der Politik bzw. politischer Philosophie und der darauf aufbauenden politischen Systemen, deren Auswirkungen und Formen wir in den heutigen politischen Strukturen noch wiederfinden. Er sieht die griechische Polis, das chinesische Tianxia und das israelitische theologisch begründete Königtum als die Urformen der Politik an. (S. 50) Es ist nicht ganz klar, was er mit diesem Einschub bezweckt, denn in seiner weiteren Analyse setzt er dann ganz andere Akzente.

Der Widerspruch von individueller und gesellschaftlicher Rationalität und ein neues Tianxia

Diesen Strang seiner Überlegungen beginnt Zhao mit einer hervorragenden Beschreibung zu welcher Weltordnung es führt, wenn Finanzkapital, Hightech-Industrien und der Dienstleistungssektor weltweit bestimmenden politischen Einfluss gewinnen. (S.34/35) Und er schließt seine Analyse mit der Feststellung ab, dass uns eine technologische Entwicklung ohne Ethik und ohneTabus dem Weltuntergang näherbringen wird als einem guten Leben. (S.225) Wer den Technologiefetischismus im heutigen China kennt, weiß, wovor Zhao hier warnt. Aber diese Gefahren lauern nicht nur in China, sondern in den meisten Ländern.

Was nun könnte ein neues Tianxia uns geben, um diese Gefahren zu meistern? Zhao meint, eine neue gesellschaftliche Rationalität (Vernunft). Eine Rationalität, die den Nutzen sucht in der Kooperation, und nicht in der Konkurrenz. Er sieht den Durchbruch für gesellschaftliche Vernunft dann gegeben, wenn Kooperation dem Einzelnen mehr bringt als Konkurrenz. (S.120) Dabei leugnet er keineswegs, dass individuelle Rationalität und gesellschaftliche Rationalität oft im Widerspruch zueinanderstehen. (S.42) Die Covid-19 Pandemie ist ein Lehrstück für diesen Widerspruch, und zeigt, dass wir ihn nicht leicht aufgelöst bekommen. Gleichzeitig sehen wir, dass Konkurrenz und Kooperation uns zu Ergebnissen führen werden, Beispiel: Covid -19 Therapien und Impfstoffentwicklung.

Zhaos Buch ist deshalb weniger ein Beitrag, bestehende Probleme zu lösen, als vielmehr uns zu ermutigen, unterschiedliche Denkmodelle zu berücksichtigen, um Lösungswege zu finden. Noch können wir uns in Europa in der Gewissheit wiegen, dass wir die Lösungswege kennen, und Lösungen erreicht würden, wenn alle unsere Denkweise anwendeten. Aber die Welt wird komplexer. Denker mit anderen philosophischen Traditionen bemühen sich darum Lösungswege zu finden. Es ist unangemessen, diese mit falschen Vermutungen zu diskreditieren. Stattdessen sollten wir uns auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren, um dann, gemeinsam, global akzeptable Lösungen zu finden. Aus meiner Sicht, ist dies im Rahmen der Vereinten Nationen möglich. Auch wenn unsere heutigen Politiker diese Möglichkeit nicht, oder kaum, wahrnehmen. In diesem Zusammenhang lohnt es, das Buch von Mark Malloch Brown zu lesen, dem ehemaligen Stellvertretenden Generalsekretär der Vereinten Nationen unter Kofi Annan, in dem er zu ähnlichen Schlüssen kommt wie Zhao Tingyang, allerdings sehr viel  konkreter ist in seiner Analyse der Weltlage. Der Titel seines Buches „ The UNfinished Global Revolution. The Limits of Nations and The Pursuit of The New Politics” (Penguin Books, 2011).

 

Autor: Kerstin Leitner

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