Das Ende der Gewalt

Im April 2026 wurde ein Buch zum Thema Gewalt in der Gesellschaft im Verlag Penguin Random House veröffentlicht, das unser politische Denken und Handeln revolutionieren kann, nicht nur im nationalen Rahmen, sondern auch international. Es ist ein ungewöhnliches politisches Buch, geschrieben von Dr. Gary Slutkin.

Hier spricht ein Mediziner aus Chicago, spezialisiert auf Epidemiologie, der früh mit den Auswirkungen der urbanen Gewalt als Notarzt in Berührung kam. Ebenso war er mit der HIV/AIDS Epidemie konfrontiert, die in den 1980er Jahren Medizin und öffentliches Gesundheitswesen in den USA machtlos erscheinen ließ. Man kannte den Ursprung der Krankheit nicht und hatte demzufolge keine Behandlungsmethoden. Im Frühstadium der Epidemie erwies sich daher öffentliche Aufklärung und Empathie mit den Kranken als das wirksamste Gegenmittel.

Der Autor, Gary Slutkin, arbeitete auch für mehrere Jahre bei der WHO, wo er in vielen Ländern verschiedene Epidemien bekämpfte, manche wie Cholera, aber auch die unbekannte Ebola.

Zurückgekehrt in die USA widmete sich der Autor in einer zivilgesellschaftlichen Organisation der Erforschung und Behandlung von Gewaltausbrüchen in urbanen Nachbarschaften. Er wandte in dieser Arbeit Methoden der Epidemiologie an. Die Ergebnisse sind verblüffend. In vielen Beispielen aus den USA, aus afrikanischen und asiatischen Ländern zeigt Slutkin wie wirkungsvoll diese Methoden sind. Gleichzeitig räumt er mit einigen gängigen Ansichten auf.  Zum Beispiel zeigt er, dass Bestrafung nicht wirkt, oft vergrößert sie die Gewalt. Die Konflikte im Nahen Osten belegen diese Einsicht nachdrücklich. Oder: wirtschaftliche Entwicklung verringert nicht das Gewaltpotential in der Gesellschaft. Dieses muss separat und vorrangig angegangen werden. Sowohl die Gewalt in der US-amerikanischen wie auch der russischen Gesellschaft dienen als Beispiel und Beleg dieser These.

In Bezug auf individuelle Gewalttätigkeit wird die Ansicht korrigiert, dass der Mensch von Geburt an gewalttätig sei. Neuere Hirnforschung weist darauf hin, dass dies in dieser Verallgemeinerung nicht stimmt. Wir haben sowohl eine Veranlagung zur Gewalt, um unsere Interessen durchzusetzen, aber eben auch die Vernunft. Welche Veranlagung wir aktivieren hängt von mehreren Faktoren ab. Mit vielen Beispielen wird gezeigt, dass wir eine Wahl haben und in keiner Situation Gewalt die einzige Option ist.

Auch kann nicht gesagt werden, dass bestimmte Orte oder menschliche Gemeinschaften Gewalttätigkeit bedingen. Es hängt davon ab, wie viel Gewalt wir ausgesetzt sind. Diese Bedrohung aber kann geändert werden, und dabei helfen können erprobte epidemiologische Maßnahmen.

Staatliche Gewalt kennt laut Slutkin 3  Arten, die sich überlagern, und durch massive Gewaltanwendung des Staates verstärkt werden:

  1. Gewalt gegen den Staat, i.e. Extremismus, Terrorismus. Die Ansteckung läuft über die Rekrutierung. Bestrafung ist keine erfolgreiche Gegenmaßnahme. Verständnis und Umerziehung schon eher.
  2. Gewalt des Staates gegen gesellschaftliche Gruppen, z.B. religiöse Gemeinschaften, ethnische Minoritäten. Politiker oft nutzen extremistische online Methoden. Dies muss unterbrochen werden. Religiöse Überzeugungen sind besonders ansteckend und können missbraucht werden. Staatliches Handeln braucht Augenmaß und Mäßigung um diese Form der Epidemie zu unterbrechen.
  3. Gewalt eines Staates gegen einen anderen, Krieg und militärische Eroberung. Mehrfach weist der Autor darauf hin, dass Gewalt in der kollektiven Erinnerung eine verstärkende Wirkung hat. Diese Erinnerung muss historisch so eingeordnet werden, dass ihre Wirkung geschwächt wird. Ein Problem sich aus mehreren Perspektiven anzusehen erhöht das Verständnis und eröffnet Lösungsmöglichkeiten. Leider wird die VN Charta als Skript für die Bekämpfung staatlicher Gewalt in der internationalen  Politik nicht erwähnt. Das ist umso bedauerlich, als die VN Charta bis heute als der beste Wurf gegen die globale Gewaltepidemie angesehen werden kann.

Oft dienen autoritäre Führungskräfte als Beschleuniger der Epidemie. Solche Index  Fälle werden im Falle einer Virus Epidemie isoliert. Wie dies im politischen Bereich erreicht werden kann, bleibt offen.

Generell sagt der Autor zu Recht, dass wir noch vieles nicht wissen, wie wir die Menschheit gegen die Epidemie der Gewalt schützen können. Aber Gary Slutkin nennt 8 Maßnahmen, die schon jetzt ergriffen werden können:

  1. Öffentliche Aufklärung über die „Krankheit“ Gewalt
  2. Aktive Behandlung von Einzelfällen, die dann repliziert werden in größerer Anwendung
  3. Unterbrechung der Verbreitung von Hass und Darstellung der realen Situation
  4.  Dienste mit großer Reichweite, Kommunikation durch allgemein anerkannte Personen und Institutionen
  5. Gemeinschaftliche Antworten auf Gewaltbedrohung, sozial und legale Regeln der Limitierung von Gewalt
  6. Veränderung des politischen Narrativs: wir brauchen keine Feinde
  7. Isolation von gewalttätigen Führungskräften, Maßnahmen auf mehreren Ebenen, Mut und Ausdauer, die Anwendung von bewaffneter Kontrolle nur als letztes Mittel
  8. Bereitstellung eines Auswegs aus einer Situation, der Fokus auf Heilung und nicht auf Bestrafung richten

Punkt 8 ist dabei besonders beachtenswert. Denn einen Abgang für Politiker der Gewalt, ist was wir dringend brauchen. Darüber hinaus müssen wir unsere Fähigkeiten der Mediation verbessern und verallgemeinern. Eine riesige politische Baustelle. Aber Gary Slutkin gibt uns viele Hinweise und Anregungen dazu. Diese sollten wir aufgreifen und weiterverfolgen. Denn dann könnte die Vorstellung, dass Kriege eine Erscheinung vergangener Tage sind, Wahrheit werden. Es ist wünschenswert, dieses Buch auch in deutscher Sprache zugänglich zu machen.

The End of Violence

We are currently experiencing a series of gruesome wars, and an increasing number of violent attacks on civilians both in war and in non-war situations. It seems a contagious toxis is spreading and we don’t know how to contain and eliminate it.

Now a book was published with the title “The End of Violence” by Gary Slutkin, a former WHO staff member, that can revolutionize our political thinking and action, not only nationally, but also internationally. It is an unusual political book.

Here writes a physician from Chicago, specializing in epidemiology, who came into contact with the effects of urban violence early on as an emergency physician. Early on in the 1980s he was also confronted with the HIV/AIDS epidemic, which made medicine and public health in the USA and elsewhere seem powerless. The origin of the disease was not known and therefore no treatment methods were available. In the early stages of the epidemic, public education and empathy with the sick therefore proved to be the most effective antidote. As a WHO staff member, the author fought various epidemics in many countries

Returning to the USA, Dr. Slutkin devoted himself to researching and treating outbreaks of violence in urban neighborhoods and founded a civil society organization for this purpose applying methods of epidemiology. The results are astounding. Many examples from the USA, African and Asian countries are given to show how effective these methods can be. At the same time, he clears up some common views.  For example, he shows that punishment does not work, often it increaes violence. The conflicts in the Middle East are proof of this insight. Or: economic development does not reduce the potential for violence in society. This must be addressed separately and as a matter of priority. Both the violence in US and Russian society serve as an example and proof of this thesis.

He also corrects the view that humans are violent from birth. Recent brain research indicates that this generalization is not true. All humans have both a predisposition to violence to assert our interests, but also reason. Which predisposition we activate depends on several factors. The bottomline is: we have a choice, and violence is not the only option in any situation.

Nor can it be said that certain places or human communities cause violence. It depends on how much violence we are individually exposed to. However, this threat can be changed, and proven epidemiological measures can help.

According to Slutkin, state violence knows 3 types, which overlap and are intensified by the massive use of force by the state:

1. Violence against the state, i.e. extremism, terrorism. The infection runs through recruitment. Punishment is not a successful countermeasure. Understanding and re-education are more likely to bring success.

2. Violence of the state against social groups, e.g. religious communities, ethnic minorities. Politicians often use extremist online methods. This must be interrupted. Religious beliefs are particularly contagious and can be especially virulent. State action requires a sense of proportion and moderation to interrupt this form of epidemic.

3. Violence of one state against another, e.g. war and military conquest. The author repeatedly points out that violence can remain dormant for a long time in collective memory. Therefore, this memory must be corrected through  historical research so that its effect is weakened. In this context it is important to look at a problem from several perspectives, which increases understanding and opens up pathways towatds possible solutions.

Unfortunately, the UN Charter is not mentioned as a script for combating state violence in national and international politics. This is all the more regrettable because the UN Charter can still be regarded as the best way to combat the global epidemic of violence.

Authoritarian leaders often serve as accelerators of the epidemic. Such index cases are isolated in the event of a virus epidemic. How this can be achieved in the political sphere remains open.

In general, the author rightly says that there is still a lot we do not know how to protect humanity against the global epidemic of violence. But he lists 8 measures that can be taken now:

1. Public education about the „disease“ of violence.

2. Active treatment of individual cases, which are then replicated in wider application.

3. Disrupting the spread of hatred and portraying instead the real situation truthfully.

4. Services with a wide outreach, communication by generally respected persons and institutions.

5. Community responses to the threat of violence, social and legal rules as guardraails to limiting violence.

6. Changing the political narrative: we don’t need enemies.

7. Isolation of violent leaders, action on several levels, courage and perseverance, the use of armed control only as a last resort.

8. Providing a way out of a situation that focuses on healing rather than punishment.

Point 8 is particularly noteworthy. Because an exit for politicians of violence is what we urgently need. In addition, we need to improve and generalize our mediation skills. A huge political construction site. But Gary Slutkin gives us many hints and suggestions. We should take these up and pursue them further. Because then the idea that wars are a phenomenon of the past could become reality.

Autor: Kerstin Leitner

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