Jüdisches Leben – keine exotische Insel im christlichen Meer?

Eine Erwiderung auf Anastassia Pletoukhinas Meinungsartikel im TAGESSPIEGEL vom 16.10.2019

Der Artikel hat mich irritiert. Er enthält verbale Übertreibungen und Gegenüberstellungen, die aus meiner unreligiösen Sicht und säkularen Lebensweise die gewünschte offene und vielfältige Gesellschaft in Deutschland nicht fördern werden. Ich beziehe meine ethischen und moralischen Werte aus dem Kanon der Menschenrechte. Dieser besagt, dass niemand diskriminiert werden darf aufgrund seines religiösen Glaubens. Das bedeutet auch, dass Religion Privatsache ist, die der Staat zu achten und zu schützen hat. Mir ist es völlig egal, welche religiösen Regeln und Ritualen mein Nachbar oder Arbeitskollege beachtet. Allerdings möchte ich nicht gezwungen werden, mich diesen anpassen zu müssen. Ich kann verschiedene Lebensweisen tolerieren, aber möchte in meiner auch toleriert werden. Ich habe mehrere Jahre in einem nicht-christlich dominierten Land gelebt, und trotzdem meine christlich geprägte Lebensweise beibehalten. Meine Nachbarn fanden zum Beispiel das Verstecken von Ostereiern oder den Weihnachtsbaum exotisch, sie fanden diese seltsamen Gewohnheiten zum Teil faszinierend oder belächelten sie. Auf alle Fälle wurden sie toleriert.

Jüdisches Leben in Deutschland ist eine Insel, egal ob man sie als exotisch ansieht oder nicht. Inselbewohner tun immer gut daran, sich im öffentlichen Bereich an ihre Umwelt anzupassen, aus Höflichkeit und Respekt gegenüber der Mehrheit. Zur gelebten Vielfalt gehört immer, die von der gesellschaftlich dominierenden Kultur geforderte Toleranz und Flexibilität mit eben solcher Toleranz und Flexibilität zu begegnen. Demokratie lebt u.a. vom gesellschaftlichen Kompromiss. Dieser wird nur dann als nicht faul gelten, wenn Zugeständnisse beiderseits gemacht werden. Zum Beispiel: die meisten Menschen arbeiten am Freitagvormittag, und können mitnichten im Café sitzen und all den anderen geschilderten Tätigkeiten nachgehen, die am Beginn des Artikels beschrieben werden. Nun sollte es uns egal sein, ob man diesen Tätigkeiten am Freitag oder Samstag nachgeht, nur dürfen diese Unterschiede nicht zu unvereinbaren Unstimmigkeiten führen, z.B. am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft.

Menschen, die sich nicht an gängige Speisegesetze halten und eigene Feiertage feiern, stechen heraus, weil sie ungewöhnlich sind. Dabei spielt es weder eine Rolle, ob sie nicht-christlich oder überhaupt religiös begründet sind. Es würde einer konstruktiven Diskussion dieser Frage sehr viel mehr nützen, wenn es Vorschläge gäbe, wie man Respekt und Toleranz im Alltagsleben verwirklichen könnte. Zum Beispiel: sollten Urlaubstage vom Arbeitgeber gewährt werden? Sollten in einer Kantine oder Mensa Speisen angeboten werden, die den jeweiligen religiösen Anforderungen entsprechen? Sollten Ersatzzeiten für die Beachtung der anderen religiösen Feiertage vereinbart werden? Sollte Teilnahme an Seminar- und Laborzeiten im Studium durch Ersatzleistungen möglich sein? Wenn solche Ausnahmeregeln dann nur für Menschen jüdischen Glaubens gelten, dann würden sie in der Tat eine „Extrawurst“ bedeuten. Wenn sie aber auch für andere Minoritäten (Muslime, Buddhisten, stteng gläubige Christen) gelten, dann wäre es die Verwirklichung gelebter Vielfältigkeit. Denn jüdisches Leben ist nur eine Insel in einem Archipel von Inseln. Die sie umgebende See ist im Moment zum Teil aufgewühlt durch Hass und Gewalttätigkeiten. Aber mit praktizierter Umsicht und Vorsicht können diese Gefahren gemeistert werden. Der Artikel fordert den Abriss von Mauern, aber fördert kein größeres Verständnis dafür, was heute in Deutschland wünschenswert und machbar ist. Gerade dies irritiert, und führt so nicht zum Ziel gelebter Toleranz und gesellschaftlicher Vielfalt.

Autor: Kerstin Leitner

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