Die WHO und Covid-19

Unmittelbar nach der SARS Epidemie 2003 initiierte die WHO in Genf eine grundlegende Revision der Internationalen Gesundheitsvorschriften (International Health Regulations) und verarbeitete in dieser Revision, die Erfahrungen der erfolgreichen Eindämmung des SARS Virus. Sieht man sich die Schritte an, die der Generaldirektor und die Organisation seit dem Ausbruch der Covid-19 Epidemie Anfang Dezember 2019 in Wuhan/China unternahm, so sieht man, dass die in diesen Vorschriften vorgesehenen Schritte zügig unternommen wurden.

Der Verlauf der Epidemie

Ein kurzer Abriss des Verlaufs soll dies hier bestätigen: um den 8.12. 2019 herum treten die ersten Fälle in Wuhan auf. Die chinesischen örtlichen Behörden zögern zunächst den Warnungen der behandelnden Ärzte öffentlich Gehör zu schenken, aber sie untersuchen die Situation und informieren die Gesundheitsbehörden in Peking. Am 31.12. 2019 greift die WHO die Nachrichten auf, und fragt in Peking nach. Die chinesische Regierung antwortet am 3.1.2020. Aber bereits am 2.1.2020 informiert die WHO über ihr Global Outbreak Alert and Response Network (GOARN) 220 Insitutionen in 70 Ländern. Ab dem 4.1. veröffentlicht die WHO über verschiendene Medien technische Ratschläge und Richtlinien, die für jedermann über die WHO Webseite zugänglich sind. Am 11.1. wird der erste Todesfall in China gemeldet, und am 13.1. ein erster Coronapatient in Thailand registriert. Am 20. und 21.1. besucht eine WHO technische Delegation Wuhan und bestätigt, dass es eine von Mensch zu Mensch Übertragung des Virus gibt. Daraufhin riegelt die chinesische Regierung Wuhan von der Aussenwelt ab. Am 22. 1. ruft der Generaldirektor das Emergency Committee gemäss den Internationalen Gesundheitsvorschrfiten ein. Das Committee kann sich aber nicht auf eine eindeutige Empfehlung einigen. Daher reist der WHO Generaldirektor nach China am 27.1., um sich vor Ort ein Bild zu machen. Bei seiner Rückkehr nach Genf veranlasst er die sofortige Wiedereinberufung des Expertenkommittees, und erklärt am 31.1. eine Public Health Emergency of International Concern (PHEIC), und informiert alle Mitgliedsländer so wie es die Internationalen Gesundheitsvorschriften vorsehen. Zum damaligen Zeitpunkt war die internationale Reichweite des Virus noch nicht im Einzelnen abzusehen, die drohende Gefahr aber schon. Deshalb war die Reaktion der WHO frühzeitig und notwendig, denn sie verpflichtet alle Mitgliedsstaaten umgehend nationale Schutzmaßnahmen einzuleiten. Asiatische Staaten wie Südkorea, Japan, Singapur und Taiwan reagierten sofort, und ergriffen notwendige Vorsorgemaßnahmen, ebenso wie einige europäische und arabische Länder. Als die Epidemie dann Ende Februar/Anfang März Europa erreichte, war die Struktur des Virus in einer einmaligen internationalen Forschungsarbeit bestimmt, und erste Testverfahren entwickelt. Die technischen Abteilungen der WHO koordinierten den Informationsfluss dieser wissenschaftlichen Arbeit und verbreiteten die gesicherten Ergebnisse an Forschungsinstitute in allen Mitgliedsländern. Gleichzeitig wurde die Reaktion der Regierungen aller Mitgliedsländer auf die Erklärung der PHEIC beobachtet, und über die jeweiligen Länderbüros der WHO und den Regionalbüros Hilfe angeboten, wenn die eingeleiteten Schritte der nationalen Verwaltungen nicht ausreichend erschienen. WHO Genf legte einen Fonds auf, und erhielt Zusagen für knapp 700 Millionen Dollar für die Unterstützung nationaler Gesundheitssysteme.

Globale Pandemie?

Als die Epidemie sich in Europa entfaltete wurden in den Medien immer wieder Rufe laut, dass die WHO Covid-19 zu einer Pandemie erklären solle. Nur: den Begriff gibt es nicht mehr in den Internationalen Gesundheitsvorschriften und, was viel wichtiger ist, es gibt keine weitergehenden Maßnahmen als die, die bei einer PHEIC angewandt werden müssen und schon in Kraft getreten waren. Mit der späteren Erklärung der Pandemie in der zweiten Märzhälfte signalisierte die WHO lediglich, dass die Epidemie in der Tat eine globale Dimension angenommen hatte, selbst wenn die Zahlen der Infizierten zum Beispiel in Afrika und Südamerika noch sehr niedrig waren. Aber der hohe und schnelle internationale Verbreitungsverlauf machten die rapide Zunahme der Infektionen auch in diesen Regionen zu einer Frage der Zeit. Gleichzeitig gab es aus China und einigen asiatischen (Südkorea, Singapur, Japan) genügend Hinweise, dass ergriffene public health Maßnahmen zu einer effektiven Eindämmung geführt hatten. Allerdings gab es hier einen Fehltritt des Generaldirektors: er lobte die Maßnahmen, die China ergriffen hatte, wo er hätte sehr viel sachlicher bleiben müssen. Denn die WHO muss sich zurückhalten, spezifische Maßnahmen eines Landes von anderen Ländern direkt oder indirekt zu erwarten. Es ist sogar möglich, dass seine Bemerkungen am Ende seines Besuches in Peking, das Ergreifen von Maßnahmen in anderen Ländern, z.B. in Europa, verlangsamt hat. Denn wie wir im eigenen Land gesehen haben, müssen die staatlich verordneten Maßnahmen im Falle einer solchen gesundheitlichen Bedrohung von den Menschen akzeptiert werden. China ist da kulturell und sozial anders als andere Länder. Singapur und Südkorea haben sehr erfolgreich Handydaten zur Mobilitätsbestimmung der Menschen genutzt, in Deutschland ist es so nicht möglich. In Frankreich ist die individuelle Bewegungsfreiheit zurzeit sehr viel umfassender eingeschränkt als in Deutschland. Später wird die WHO evaluieren können, inwieweit diese Unterschiede auch zu unterschiedlichen oder möglicherweise gleichen Ergebnissen führten.

Hat die WHO also alles richtig gemacht bisher?

Den etwas verunglückten Besuch des Generaldirektors in Peking habe ich schon erwähnt. Andere Schwachpunkte hat es auch gegeben. Anders als 2003 hat die WHO sehr viel größeren Wert darauf gelegt, alle beteiligten VN Organisationen und nationalen Verwaltungen einzubinden in die zu treffenden Entscheidungen. Bei SARS gab die WHO im Alleingang internationale Reiseempfehlungen raus, 2020 in enger Abstimmung mit der Internationalen Organisation für Zivile Luftfahrt (ICAO). Das Einschalten anderer Partnerorganisationen hat allerdings zu zeitlichen Verzögerungen geführt. Die Reiseempfehlung der WHO/ICAO hätte unmittelbar nach der Erklärung einer Public Health Emergency of International Concern (PHEIC) veröffentlicht werden müssen, stattdessen gab es eine Serie von Empfehlungen sowohl von der WHO wie auch von ICAO. Das war verwirrend. Es wird schwer sein, nachzuweisen, um wieviel eine frühe und klare internationale Reiseempfehlung die internationale Verbreitung des Virus verlangsamt hätte. Es ist aber auch wichtig festzuhalten, dass dieses koordinierte Vorgehen entscheidend dazu beigetragen hat, dass viele Fluggesellschaften ihre Flüge einstellten, selbst als Reisende noch Buchungen vornehmen wollten.

Darüber hinaus gaben die Kommunikationen der WHO einigen Organisationen die Möglichkeit im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen. Zum Beispiel die John Hopkins Universität und nicht der Covid-19 dashboard der WHO und ihre jeweiligen Situationsberichte (zu finden unter www.who.int) wurden von den Medien zitiert. Hier hätte eine für alle verständliche Absprache die Glaubwürdigkeit der veröffentlichten Zahlen deutlich erhöht. Spätere Erklärungen in den Medien erklärten dann die Unterschiede in den Statistiken.

Die ganze Spannbreite der Arbeit der WHO muss sichtbar bleiben

Auf der anderen Seite, werden die unglaublich hohe Zahl an täglicher technischer und praktischer Hilfe, die globale Kommunikation in allen Ländern mit Medien, medizinischen Einrichtungen, Gesundheitsverwaltungen und Forschungsinstituten und der Industrie, die an  einem Testverfahren und einem Impfstoff arbeitet, in einer breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Aber die Organisation muss an der vordersten Front des Kampfes deutlich sichtbar sein. So wie sie zügig vor der Ausbreitung des Virus warnte, und Maßnahmen einleitete und koordinierte, stellt sie nun Informationen über Ländererfahrungen, insbesondere innovative Schritte, zusammen, und informiert zeitnah über den Stand der Forschung und Entwicklung von Testverfahren und Impfstoffen und deren Verfügbarkeit. Länder, die nur eine beschränkte oder gar keine Forschungs- und Entwicklungskapazität besitzen, brauchen diese Informationen um Scharlatanerei einzudämmen. Auch muss frühzeitig geklärt werden, zu welchem Preis medizinische Mittel international vermarktet werden. Eine jahrelange Diskussion bei der Welthandelsorganisation (WTO) wie bei den Therapien gegen HIV/AIDS können wir uns nicht leisten.

Die WHO kann Mitgliedsländer nicht zwingen, sich an die Bestimmungen der Internationalen Gesundheitsvorschriften zu halten, aber sie kann mit aller ihrer zur Verfügung stehenden institutionellen Kapazität in Genf, in den 6 Regionalbüros und den etwa 150 Länderbüros entscheidenden Einfluss darauf nehmen, dass der Virus überall eingedämmt wird.

Soft power: besser geht es nicht…..

Die WHO sowie der Rest des Systems der Vereinten Nationen ist keine hard power, sondern eine soft power, aber diese sollte man nicht unterschätzen. Die WHO ist kein Weltgesundheitsministerium und der jetzige Generaldirektor ist kein Jens Spahn. Das macht die Weltgesundheitsorganisation aber nicht weniger effektiv.

…… aber sie wirkt!

In diesem Zusammenhang zum Schluss noch eine gute Nachricht, die leider wegen der Covid-19 Pandemie wenig Beachtung fand. Am 7.März 2020 konnte die WHO mitteilen, dass die Ebola Epidemie im Kongo eingedämmt war. Übrigens vom dortigen afrikanischen Personal. Es war ein jahrelanger Kampf, es gab leider viele Tote, aber inzwischen gibt es einen international entwickelten Impfstoff und die letzten Patienten wurden entlassen. So wie bei SARS, Ebola, Vogelgrippe, Schweinegrippe und den jährlichen Grippeepidemien erfüllt die WHO ihre Aufgabe als Koordinator, als Monitor, als Kooperationspartner und setzt leise, zäh und beständig Standards, die allen helfen. Auch im Falle Covid-19 wird es so sein.


Autor: Kerstin Leitner

siehe Webseite

5 Gedanken zu „Die WHO und Covid-19“

  1. Sorry – my German is not good enough to write, although OK to read and speak (schnell und falsch). Thank you for the abover article – it is extremely interesting and useful (not least the clarification on the timeline). Thank you!
    Siri

  2. Ja, es stimmt , dass es schwierig ist sich da durchzufinden. Aber für mich, die die WHO bis dahin kaum wahrgenommen hatte (sie war für mich eine weitere den Bedürfnissen der Menschen entfernte wenig handlungsfähige Organisation, über die ich mir eigentlich keine Gedanken machte) beginnt sie jetzt zu existieren (il y a de l’espoir). Deswegen: danke für die Informatik.

    Margret Schäfer 30.3.20

  3. Das war eine dingend erforderliche und wichtige umfassende und konstruktiv kritische Dartstellung, die leider in den allgemein zugänglichen Medien fehlt. Daher weiß auch der normal interessierte Bürger viel zu wenig, was die WHO alles bewegt.
    Danke
    Wolf Preuss

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