Aufruf

Herr Putin, es langt!

Geben Sie den Befehl, die Angriffe einzustellen, und die russischen Truppen aus der Ukraine abzuziehen! Jetzt, sofort! Wie viele Menschen müssen noch sterben, verletzt oder vertrieben werden, bevor Sie zu Verhandlungen bereit sind?  

Verspielen Sie nicht den letzten Funken unserer Sympathie für Ihr Land, seine Menschen und ihre Kultur, die wir schätzen und achten, gerade weil sie anders ist als unsere!

Gestehen Sie sich ein, dass Ihre Entscheidung falsch war, dass sie auf falschen oder fehlenden Informationen basierte. Wahre Größe heißt, Fehler einzugestehen und sie zu korrigieren. Zeigen Sie diese Größe! Beweisen Sie, dass Sie Ihr Land in den Frieden führen können, dass Sie abwägen können, was für Sie und die russische Bevölkerung am wichtigsten ist. Wir gehen davon aus, es sind gute und freundschaftliche Nachbarschaft mit den an Russland angrenzenden Ländern und das Wohlergehen der russischen Bevölkerung.

Russland ist eine Großmacht, aber wird als solche nur geachtet werden, wenn seine Politik dem entspricht. Denn Großmacht zu sein, heißt eben auch eine besondere Verantwortung zu tragen für den internationalen Frieden und das Wohlergehen der Bevölkerung im Land und global. Dies haben Sie sträflich vernachlässigt in den letzten Jahren, als Sie Staatseinnahmen lieber in die Aufrüstung statt in die soziale Absicherung der Ärmeren in Russland investiert haben.

Auch wenn Gas und Erdöl auslaufende Energiequellen für die globale Wirtschaft sind, wird es andere Ressourcen geben, die Russlands Wohlstand gewährleisten können. Investieren Sie in diese. Die Wissenschaftler und Unternehmer hat Ihr Land dafür, und andere, auch aus westlichen Ländern, werden mit diesen kooperieren wollen.

Aber dies ist nur möglich, wenn Sie die Angriffe auf und die Invasion in die Ukraine jetzt einstellen, und nötige Veränderungen in ihrem Land vornehmen!

Dieser Aufruf wurde unterschrieben von:

 Kerstin Leitner, Bettina Lüdicke, Dorit Lehrack, Martina Hoins, Georg Mauer, Gabriele Köhler, Arne Franke, Sibylle Starzacher, Karl Starzacher, Oliver Hasenkamp, Hilde Philippe-Magin, Christine von Arnim, Brunhild Biehahn, Max Steinacker, Renate Funk, Sabine Rollberg, Cornelia Zemskéris, Dagmar Lewering, Brigitte Leonberger, Christoph von Knobelsdorff,  Elke Löschhorn, Susanne Ruoff,  Alfred  Bauer, Waltraut Bauer, Blanka Renz,, Monika Töpert, Michael Töpert, Maren Ernst, Alexander Bruder, Peter Klein,  Wedigo de Vivanco, Almut Sievernich, André Sonnenberg, Bill Funk, Ursula Karpowitsch, Regine Wosnitza, Peter Trubiroha, Edelgard Trubiroha, Matthias Dannenberg,  Cornelia Dannenberg, Harald Zeller, Eckhart Lewering, Renata von Oppen, Rhan Gundelach, Hopf Wulf, Alexandra Gabb, Korinna Laux, Annette Hornung, Kerstin Duell, Peter Adler, Peter Eigen, Klaus und Monika Paetzholdt, Helmut Frick

Tagesspiegel, Seite 5 am 26.3.2022

Autor: Kerstin Leitner

siehe Webseite

6 Gedanken zu „Aufruf“

  1. Liebe Kerstin,
    mir ist mehr danach, beide Seiten aufzurufen, sich zu einem tragfähigen Kompromiss durchzuringen, der weniger schmerzlich ist als die grauenvollen Verluste an Leben im Krieg. Georgien könnte ein denkbares Beispiel sein.
    Der Grund, warum ich Deine Initiative nicht mit unterzeichne ist aber, dass ich mich zum Tigrai-Krieg nicht öffentlich äußere, um mit Partnern und Freunden vor allem in Tigrai kommunikationsfähig zu bleiben. Wenigstens bei Nothilfe können wir dort einen Beitrag leisten. Aber sie würden fragen, warum äußere ich mich zur Ukraine öffentlich und nicht zu Tigrai.
    Herzliche Grüße
    Dein Konrad

    1. Lieber Konrad, danke. Russland ist der Aggressor und als solcher auch die Partei, die zuerst einlenken muss. In der Tat, hat die Ukraine dann eine große Verantwortung, zu tragfähigen Kompromissen zu kommen, und die dann auch völkerrechtlich verbindlich sein müssen für alle Beteiligten. Eine große und komplexe Aufgabe, aber der 1. Schritt ist: Schluss mit den kriegerischen Handlungen. Ich hoffe, Du kannst in Tigrai etwas erreichen.
      Kerstin

  2. Liebe Frau Leitner, ich finde es richtig, sich an Putin direkt zu wenden, ihn anzusprechen. Er könnte so oder so. Es gibt doch immer auch Spielräume in Krisensituationen, die von zwei Seiten gefunden und dann gestaltet werden können und müssen. Oder wollen wir alle daran nicht mehr glauben? Das Leid der Menschen in der Ukraine muss aufhören.
    Viele Grüße, Bettina Lüdicke

  3. Liebe Frau Leitner, vielen Dank für Ihren Aufruf, den meine Frau Cornelia Dannenberg und ich, wie eben telefonisch besprochen, gern unterzeichnen. Kritisch sehen wir nur den am Ende des zweiten Absatzes stehenden Halbsatz „gerade weil sie anders ist als unsere!“, weil er nach unserer Auffassung nicht für das ganze Russland zutrifft. Vor allem dessen europäischer Teil ist, ebenso wie die Ukraine, aus unserer Sicht gerade nicht kulturell „anders“ geprägt als das übrige Europa. Das macht Putins Aggressionskrieg eigentlich noch schlimmer, als er sowieso schon ist.

    Herzliche Grüße Ihres Matthias Dannenberg

    1. Lieber Herr Dannenberg, Danke für’s Mitmachen und Danke auch für Ihren Kommentar. Russland’s Kultur ist sicherlich zum Teil christlich geprägt, vor allem im europäischen Teil. Nur Russland hat eben auch einen großen asiatischen Teil, und der ist anders geprägt vom Islam, vom Buddhismus, von Schamanentum. Alles zusammen ergibt die Kultur Russlands. Seine politische Kultur ist aus meiner Sicht zienmlich eindeutig eher asiatisch als europäisch. Wir müssen uns dies einfach immer wieder in Erinnerung rufen, und unsere Politik und unser Verhältnis zu Russland auf diesem weitergefassten Verständnis aufbauen. Kritisch, aber respektvoll. Natürlich fällt dies angesichts des Angriffs auf die Ukraine schwer. Ich bin deshalb auch für die harten Massnahmen, um Russlands fehllaufende Politik zu korrigieren. Ich bin aber auch der Meinung, dass man gleichzeitig eine Vorstellung davon haben muss, wie eine veränderte Politik aussehen müsste und welche positiven Ergebnisse sie bringen würde für das Land und für uns. Im Moment haben wir uns in eine unversöhnliche Konfrontationsstellung hineinziehen lassen. Da müssen wir schnellstmöglich wieder raus. Ich fürchte, die russische und die ukrainische Regierungen werden es nicht aus eigener Kraft schaffen. Deshalb sollte international vermittelt werden, am besten im Rahmen der Vereinten Nationen. Leider erfüllt der Generalsekretär sein Mandat nicht. Aber die europäischen Länder mit Chinas und afrikanischer Unterstützung sollten es schaffen können. Für eine solche Vermittlung müssen wir uns einsetzen. Aber vor allem, müssen die Waffen schweigen. Ihre Kerstin Leitner

  4. Ich möchte zu dieser Diskussion auf einen exzellenten Artikel von Eileen O’Connor aus der New York Times vom 25.03.2022 hinweisen, die deutlich macht, dass ein Problem des Westens darin besteht, dass die Grundlagen russischen Denkens nicht richtig eingeschätzt werden. O’Connor argumentiert in ihrem Artikel „Putin Cares About Only One Thing, and It’s Not Oligarchs”, dass der fundamentale Unterschied den Einfluss von Oligarchen betreffend in Macht oder Macht durch Geld liegt. So hat das Einfrieren des im Westen investierten Vermögens von Oligarchen keinen Einfluss auf Putin, da mit ihrem Geld Putin, der nur an Macht und nicht am Wohl der Oligarchen interessiert ist, nicht zu einer Änderung seiner Politik gedrängt werden kann. Im Gegenteil es gibt Beispiele, bei denen Putin Oligarchen ihr russisches Vermögen entzogen hat, weil sie versuchten „ungebührlichen“ Einfluss auf Putin und seine Entourage zu nehmen. Die Oligarchen wissen, dass sie keinen Einfluss auf Putin haben, der nur an Macht und Militär interessiert ist. Im Gegenteil, dass sie bei einem Versuch Einfluss auszuüben, ihr eigenes Vermögen und ihren Einfluss in Gefahr bringen. Dies ist ein deutlicher Unterschied zu Superreichen im Westen, die mit ihrem Geld sehr wohl politischen Einfluss ausüben können. Diese Erfahrung haben westliche Politikanalysten fälschlicher Weise auf Oligarchen übertragen.
    O’Connor ist eine langjährige Kennerin Russlands und der Ukraine, ja der gesamten Region.
    Eine Lektüre des Artikels lohnt sich.

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