Antisemitismus in Deutschland – heute

In den letzten Monaten haben sich die Meldungen über einen erstarkenden Antisemitismus in den Medien gemehrt mit Berichten, Statistiken, und Meldungen über Zusammenstöße im täglichen Leben. Nicht nur wegen der Nazivergangenheit und dem Völkermord an Juden und anderen Minderheiten ist dies eine bestürzende Entwicklung, es ist auch grundsätzlich beschämend, dass es zu diesen Verletzungen der Menschenrechte in unserer Mitte immer noch kommt.

Gibt es eigentlich einen erstarkenden Antisemitismus?

Die Gründe sind vielfältig, und nicht alle Erklärungen sind für sich genommen, ausreichend, um diesen unguten Trend zu verstehen. Weder ist der Antisemitismus nur auf die Einwanderung aus den arabischen Ländern zurückzuführen, noch ist es eine Frage, dass es Ewiggestrige gibt, die alle sozialen Probleme unserer Gesellschaft einer bestimmten Gruppe, nämlich den „Juden“ anhängen wollen, noch ist es nur eine politische Reaktion auf die Gedenkkultur in der Bundesrepublik. Auch die Kritik an der israelischen Regierungspolitik reicht nicht aus. Sicherlich spielen alle diese Faktoren eine Rolle, aber ich meine, ein entscheidender Faktor wird übersehen. Dabei ist es gerade dieser Faktor, der uns, aus meiner Sicht, den Ansatz bieten könnte, effektiv dem Antisemitismus entgegenzuwirken. Darüber hinaus fehlt in meiner Wahrnehmung eine Beachtung dieses Faktors, und so macht sich, statt Engagement Ratlosigkeit breit.
Seit 1989 gibt es eine vermehrte Einwanderung von jüdischen Familien aus Osteuropa, vor allem Russland, und in den letzten Jahren zunehmend von jungen jüdischen Männern und Frauen aus Israel. Ich möchte hier und jetzt nicht weiter auf die doch recht unterschiedlichen Motivationen für diese Ansiedlung in Deutschland eingehen. Die einhellige Meinung der jüdischen Zuwanderer scheint zu sein, dass sie sich wohlfühlen im heutigen Deutschland. Sie finden schnell Anschluss in den bestehenden jüdischen Gemeinden, wenn sie dies wünschen. Wenn nicht, finden sie schnell über ihre Arbeit und über Kollegen, Nachbarn und als Mitglieder in Clubs und Vereinigungen ein soziales Netzwerk. Niemand stört sich daran, wenn sie im privaten Bereich ihre Traditionen pflegen, wie jüdische Feiertage und jüdische Gebräuche. Nach wie vor gibt es auch einige Vergünstigungen als Form der Wiedergutmachung, die genutzt werden können. Aber nicht alle nehmen diese in Anspruch.
Warum gibt es dann überhaupt Konflikte im alltäglichen Leben? Warum werden ein jüdischer Vater und seine kleine Tochter in Berlin auf offener Straße von, dem Vernehmen nach, arabischen Jugendlichen tätlich angegriffen und schwer verletzt? Warum schmäht ein älterer Deutscher wiederholt einen jüdischen Gastwirt und sein Lokal so oft, dass die Medien darüber berichten? Warum schlägt ein junger Araber angeblich aus Syrien, später wird berichtet aus Israel, auf einen Kipa tragenden jungen Mann auf der Straße mit einem Gürtel ein? Im anschließenden Gerichtsverfahren streitet der Angeklagte ab, es aus antisemitischen Gründen getan zu haben. Die Ursachen für diese 3 Konflikte sind sicherlich jeweils andere, oder gibt es eine Gemeinsamkeit, die übersehen wird? Ich bin mir nicht sicher, aber möchte an Hand zweier anderer Beispiele zeigen, was möglicherweise den Konfliktstoff liefert, und wie man ihn entschärfen kann.

Toleranz muss gelebt werden im alltäglichen Leben

Als ich in der jungen Bundesrepublik aufwuchs, kam die Verarbeitung der Nazivergangenheit und die Ermordung der jüdischen Mitbürger nur schleppend in Gang. Gleichzeitig gab es einen steten Fluss von jüdischen Zuwanderern aus den osteuropäischen Ländern, z.B. Rumänien, die über die Bundesrepublik nach Israel oder in die USA auswanderten. Die rumänische Regierung unter Präsident Ceaucescu ließ sich diese Auswanderung von Israel übrigens teuer bezahlen. Auf diese Weise kam auch gegen Ende der 50iger Jahre eine neue Mitschülerin in meine Klasse, und sie wurde von den Lehrern meiner Betreuung anvertraut. Unter anderem ging ich so auch einmal mit dieser neuen Mitschülerin in ihre Synagoge, und war verstört, dass die Frauen von den Männern getrennt sitzen mussten. Empört berichtete ich meiner Mutter später von dieser „Diskriminierung“. Woraufhin meine Mutter mir antwortete, dass ist nun mal in dieser Gemeinde so usus, und Du musst ja nicht wieder hingehen. Ende der Debatte. Ich glaube, was mir meine Mutter damit sagte, war, andere Gebräuche kannst Du tolerieren, solange sie Dich nicht unmittelbar betreffen oder einschränken.
In den Jahren davor, Anfang der 50iger Jahre, waren wir als Flüchtlinge aus Mitteldeutschland ins katholische Rheinland verschlagen worden. Als Kind wurde ich oft von den katholischen Nachbarskindern angegriffen, weil ich anders war. Ich sprach anders, ich wurde anders gekleidet, und ich ging als Protestantin in eine neu geschaffene Gemeinschaftsschule. Wenn die Angreifer stärker als ich waren, rannte ich davon, wenn ich mir eine gute Chance ausrechnete, prügelte ich mich. Warum erzähle ich dies? Nur wenige Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges war die Bereitschaft zur Toleranz von Andersartigkeit in der Gesellschaft noch sehr gering, trotz eines pragmatischen politischen Ansatzes seitens der Regierungen und der Verwaltung. Heute ist diese Form der Intoleranz kaum mehr denkbar. Kinder zumindest wachsen aus einer solchen intoleranten Haltung heraus, wenn das soziale Umfeld sie entsprechend erzieht. Mit anderen Worten, wir müssen, dem gesellschaftlichen Widerstand gegen den Zuzug von andersgläubigen Menschen einfach gelassener entgegentreten, aber eben auch mit der klaren Aufforderung an alle, dass Toleranz als oberstes gesellschaftliches Gebot einzuhalten ist.

Toleranz zu üben ist eine gegenseitige Verpflichtung und Aufgabe

Allerdings gilt dies auch in gewisser Weise für die Zuwanderer. Ich weiß nicht, warum heute deutlich öfter die Kippa in der Öffentlichkeit getragen wird. Als Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, vor einiger Zeit, seinen jüdischen Mitbürgern nahelegte, die Kippa in der Öffentlichkeit nicht zu tragen, führte dies leider nicht zu einer klärenden öffentlichen Debatte. Ich gehe davon aus, dass Herr Schuster sicherlich auch sagen wollte, dass es in Deutschland nicht Brauch ist, seine religiöse Zugehörigkeit offen zu demonstrieren. Als Herr Söder im letzten Jahr während des bayrischen Wahlkampfes demonstrativ ein Kreuz im Eingangsbereich seiner Staatskanzlei aufhängte, wurde dies von einer großen Mehrheit der Bevölkerung sehr kritisch gesehen, und dem Vernehmen nach hat diese provokante Handlung der CSU einige Stimmen gekostet. Ich kann da nur sagen, richtig so.
Eine weitere Episode, über die in der Vorweihnachtszeit berichtet wurde, hat mich ziemlich erschreckt. In einer Kleinstadt in Westdeutschland beschwerte sich ein jüdischer Vater, dass alle Kinder Weihnachtssterne bastelten und ihnen mit nach Hause gegeben wurden. Die Kindergärtnerinnen waren durch diese, wohl ziemlich massiv, vorgetragene Kritik des Vaters so verunsichert, dass sie keinen Weihnachtsschmuck mehr von den Kindern herstellen ließen. Als der Vater, der die israelische Staatsangehörigkeit besaß, von einem Medienvertreter gefragt wurde, warum er denn in Deutschland lebe, antwortete er, weil er in Deutschland kostengünstiger studieren könne. Nun ist selbstverständlich nichts dagegen einzuwenden, dass jemand, mit einer nicht deutschen Staatsangehörigkeit an einer deutschen Universität studiert, aus welchen Gründen auch immer. Aber der Vater hatte offensichtlich die Frage des Journalisten gar nicht verstanden. Denn der wollte natürlich wissen, warum lebst Du in einem Lande, dessen Gebräuche Du nicht tolerieren magst. Es hätte ja wohl völlig ausgereicht, wenn der Vater seinem Kind erklärt hätte, dass christlicher Weihnachtsschmuck für sie als Menschen jüdischen Glaubens keine Bedeutung, bzw. höchstens eine dekorative hat. Die Reaktion der Kindergärtnerinnen allen Kindern den Weihnachtsschmuck vorzuenthalten, ist natürlich radikal, aber es war unter den gegebenen Umständen, wahrscheinlich die beste. Allerdings ist diese Lösung nicht dauerhaft, da nicht gerecht und gerrechtfertigt gegenüber den anderen Kindern. Darum hätte man aus meiner Sicht, dem jüdischen Vater auch nahelegen können, falls er uneinsichtig geblieben wäre, sein Kind besser in einem anderen Kindergarten betreuen zu lassen.
Toleranz zu leben ist nicht einfach und erfordert viel Fingerspitzengefühl und eine Bereitschaft zum Dialog. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir beides auch in der Zukunft in Deutschland mehrheitlich bewahren und anwenden werden.

Autor: Kerstin Leitner

siehe Webseite

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